Das Web Summit in Lissabon ist keine Möbelmesse. Es ist der Ort, an dem man spürt — fast körperlich —, wohin sich Unternehmen, Technologie und Menschen entwickeln. Und dieses Jahr war das Signal klar: KI ist kein Zukunftsthema mehr. Sie ist das neue Betriebssystem der Wissensarbeit.
Nach über 20 Jahren Erfahrung in der Lieferung und Planung von Büroeinrichtungen in 22 internationalen Märkten — mit 96 Designpartnern, darunter zahlreiche Projekte für Schweizer Unternehmen in Zürich, Basel, Bern und Zug — bringe ich aus Lissabon sechs Erkenntnisse mit, die für die Schweiz besondere Relevanz haben.
Nicht als Trendliste. Als Planungsgrundlage.
1. KI verändert nicht, was wir tun — sondern wie anspruchsvoll das Verbleibende ist
Die wichtigste Botschaft vom Web Summit war nicht, welche KI-Tools dominieren. Es war die Konsequenz: Wenn KI die repetitiven Aufgaben übernimmt, bleibt das Anspruchsvollere. Denken, entscheiden, koordinieren, kreieren — Tätigkeiten, die deutlich mehr kognitive Kapazität erfordern als die meisten Büros je zu unterstützen versucht haben.
Das ist die Lücke, die 2026 teuer werden kann: Arbeitsumgebungen, die für Anwesenheit gebaut wurden, nicht für Leistung. Wenn Wissensarbeit kognitiv intensiver wird, ist ein Raum, der Ablenkung produziert statt zu reduzieren, kein neutrales Element mehr — er ist ein messbarer Kostenfaktor.
Die Büros, die 2026 herausstechen werden, sind um eine andere Frage herum geplant:
«Macht diese Raumgestaltung unsere anspruchsvollste Arbeit einfacher — oder schwerer?»
Ein Büro mit falscher Akustik ist wie ein Konferenzraum ohne Traktandenliste: man verbringt die Zeit damit, den Lärm zu verwalten, statt zu arbeiten.
2. Hybrides Arbeiten ist kein Übergangszustand — und das Büro muss jeden Arbeitsweg rechtfertigen
Das Schweizer Modell des hybriden Arbeitens hat sich seit 2020 etabliert — und die SUVA-Richtlinien zur Telearbeit haben diese Entwicklung strukturell unterstützt. Was in Lissabon deutlich wurde: Diese Entwicklung kehrt nicht zurück. Mitarbeitende erscheinen im Büro, wenn es sich lohnt. Nicht weil es Pflicht ist.
Das verändert den Massstab, an dem ein Büro gemessen wird:
— Nicht mehr: «Wie viele Arbeitsplätze passen auf diese Fläche?»
— Sondern: «Was passiert hier, das zuhause nicht möglich wäre?»
— Und: «Rechtfertigt dieser Raum die Zeit, die mein Team investiert, um hierher zu kommen?»
Projekte, die das Büro noch immer als statischen Behälter konzipieren — Reihen von Arbeitsplätzen, Sitzungsräume, Küche — verpassen den Kern der Frage. Das Büro wird zu einem Ort, den man aufsucht, weil er etwas bietet. Wenn das nicht der Fall ist, helfen auch Präsenzpflichten nicht weiter.
3. Kognitive Überlastung ist keine HR-Frage — sie ist eine Raumplanung sfrage
KI-Tools, Slack, E-Mail, Videokonferenzen im Viertelstundentakt: Das Thema ist nicht die Technologie. Das Thema ist die fehlende Möglichkeit, konzentriert zu denken — und wie viel ein Büro dazu beiträgt oder entgegenwirkt.
Die SUVA Richtlinie 6508 «Wohlbefinden am Arbeitsplatz» hält fest, was die Praxis täglich zeigt: Lärm und Ablenkung am Arbeitsplatz haben direkte Auswirkungen auf Fehlerquote, Ermüdung und Krankheitsrate. Das ist in der Schweiz kein weiches Thema — es ist dokumentierte Compliance.
Das teure Missverständnis, das sich wiederholt: Das Problem wird täglich um 15 Uhr spürbar, aber nie auf den Raum zurückgeführt. Die falsche Akustiklösung, der fehlende Rückzugsbereich, der Arbeitsplatz mit ungünstigem Sichtbezug — diese Probleme summieren sich still, täglich, bis jemand von Burnout spricht oder das Unternehmen verlässt.
Einen Arbeitsplatz zu planen, ohne zu analysieren, wie Menschen dort tatsächlich arbeiten, ist wie eine Brille zu verordnen, ohne die Sehschärfe zu prüfen: Man sieht irgendwie — aber man bezahlt den Preis in Erschöpfung, Stunde für Stunde.
2026 werden die leistungsstärksten Büros in der Schweiz akustischen Komfort als strategische Infrastruktur behandeln — nicht als optionale Ausstattung. Eine einzige, richtig platzierte Akustiklösung kann mehr Wirkung erzielen als ein Jahr betrieblicher Gesundheitsförderung.
4. Der Empfangsbereich ist ein Markensignal — und die meisten Schweizer Unternehmen unterschätzen ihn
Vertrauen und Reputation waren wiederkehrende Themen in Lissabon. Technologie macht physische Begegnungen seltener — und damit konsequenter wichtiger.
Jede Kundin, jeder Kandidat, jeder Geschäftspartner, der Ihr Unternehmen betritt, bildet sich in den ersten Sekunden ein Urteil. Bevor jemand gesprochen hat. Bevor eine Präsentation beginnt.
Räume kommunizieren, wer ein Unternehmen ist — lange bevor das Unternehmen die Gelegenheit erhält, es zu erklären. Ein Empfangsbereich ohne konzeptionelle Klarheit ist wie ein langsam ladender Webauftritt: Ein Teil des Eindrucks geht verloren, bevor die eigentliche Begegnung beginnt — und man erfährt nie genau, wann.
2026 werden die wettbewerbsfähigsten Unternehmen in der Deutschschweiz ihr Büro als physische Verlängerung ihres Qualitätsanspruchs behandeln — nicht als Kostenposition pro Quadratmeter.
5. Veränderungen kommen schneller — und die meisten Bürolayouts sind nicht dafür gebaut
Wenn KI Entscheidungszyklen beschleunigt, Experimente verdichtet und Umstrukturierungen häufiger macht, ist eine Konsequenz sicher: Bürostrukturen müssen sich öfter anpassen — und sie sind selten dafür gebaut.
Teams wachsen, schrumpfen, werden zusammengelegt, ändern ihre Funktion. Die Unternehmen, die das gut bewältigen, haben Büros, die auf Szenarien ausgelegt sind — nicht auf ein Organigramm, das in sechs Monaten vielleicht nicht mehr gilt.
Der vermeidbarste Fehler, den ich in Planungsprojekten immer wieder sehe: Niemand hat gemessen, wie schnell sich der Bedarf ändern wird. Ein vollständiger Umbau alle zwei Jahre ist für die meisten Organisationen nicht realistisch. Was gebraucht wird, ist eine Raumstruktur, die Veränderung absorbiert — ohne dass jedes Mal mit Null begonnen werden muss.
Praktisch bedeutet das:
— Mikrozonierungen mit klar definierten Funktionen, die getauscht oder skaliert werden können
— Sitzungsräume, die sich ohne Umbauarbeiten in Projekträume oder Fokuszonen verwandeln lassen
— Systemlösungen statt Einzelstücken: Einrichtungen, die gut altern, weil sie umkonfigurierbar sind
Die besten Innenarchitekturbüros, mit denen wir in der Schweiz arbeiten, teilen eine Disziplin: Sie messen alles — Bewegungsflüsse, Lärmpegel, Lichtverhältnisse, tatsächliche Nutzungsmuster — und planen für die nächsten zwei Versionen des Unternehmens, nicht nur für die aktuelle.
6. Wohlbefinden am Arbeitsplatz ist kein HR-Versprechen mehr — es ist messbare Leistungsinfrastruktur
Eine der bedeutsamsten Verschiebungen am Web Summit war subtil, aber folgenreich: Technologieveranstaltungen sprechen jetzt explizit über das menschliche Nervensystem — nicht als Wellness-Initiative, sondern als Leistungsinfrastruktur.
Die SUVA-Richtlinien zum Wohlbefinden am Arbeitsplatz und die SN EN ISO 9241 zur ergonomischen Gestaltung von Arbeitssystemen haben das schon lange dokumentiert. Was in Lissabon dazukam: Die wirtschaftliche Sprache ist angekommen.
Ein Büro, das echtes Wohlbefinden unterstützt — nicht nur ästhetischen Komfort —, produziert nachweislich bessere Ergebnisse. Der Mechanismus ist einfach: Wer täglich weniger Reibung erlebt, arbeitet konzentrierter, macht weniger Fehler, verlässt das Unternehmen seltener.
— Ein Bürostuhl, der den Körper unterstützt statt zu belasten — über acht Stunden
— Ein Arbeitsplatz, der schlechte Körperhaltung nicht systematisch erzwingt
— Ein Grundriss, aus dem heraus jedes Telefongespräch zur Unterbrechung für alle wird
Ein nicht-ergonomischer Stuhl ist wie ein Schuh, der zwei Nummern zu klein ist: Man kann ihn tragen, aber jede Minute ist eine stille Erinnerung, dass etwas nicht stimmt. Multipliziert mit 220 Arbeitstagen entsteht daraus eine messbare, aber selten zugeordnete Belastung — für Leistung, Gesundheit und Verbleibquote.
Ein Open Space ohne Rückzugsmöglichkeiten ist wie ein Trainingsplan ohne Erholungsphasen: Der Leistungsabbau ist vorhersehbar, graduell und vollständig vermeidbar.
Was diese Signale für aktuelle Schweizer Büroprojekte bedeuten
Das Web Summit sagt uns nicht, welchen Schreibtisch wir spezifizieren oder welche Akustikkabine wir einbauen sollen. Es zeigt uns, wie schnell sich die Erwartungen an Arbeit, Raum und Leistung verschieben — und wie weit viele Büros bereits hinter diesen Erwartungen zurückliegen.
Die Büros, die 2026 in der Schweiz Massstäbe setzen, werden nicht unbedingt grösser sein. Sie werden präziser sein — ehrlicher in Bezug darauf, wie Menschen tatsächlich arbeiten, und bewusster in jeder Entscheidung, die das entweder unterstützt oder verhindert.
Was ich in vielen Projekten beobachte: Unternehmen erneuern ihre Einrichtung in der Hoffnung, Probleme zu lösen, die nicht in den Möbeln liegen. Das Problem liegt in der konzeptionellen Raumgestaltung. Und eine einzige akustische Massnahme, ein korrekt eingestellter Arbeitsplatz oder eine bessere Lichtplanung kann die gesamte Alltagserfahrung verändern — auf eine Weise, die ein Komplettumbau manchmal nicht schafft.
Das ist keine Magie. Das ist präzise Arbeitsplatzgestaltung.
Die Innenarchitektur- und Planungsbüros sowie die Unternehmensverantwortlichen, die diese Signale in ihre aktuellen Projekte integrieren — nicht in die für 2027 geplanten —, werden 2026 die Richtung vorgeben. Die anderen werden erklären müssen, warum ihre Büros nicht die Ergebnisse liefern, die sie sollten.