Im Bundeshaus West in Bern liegt ein Saal, den man «Chalet fédéral» nennt. Hier kommt der Bundesrat zu seinen wöchentlichen Sitzungen zusammen. Stuckdecke und Leuchter stammen noch aus dem Jahr 1857, Täfer und Möbel aus dem Jahr 1889, und gehalten ist das Ganze im Stil der Renaissance. Vorne in der Mitte hat die Bundespräsidentin oder der Bundespräsident den Platz, die Pulte der übrigen sechs Regierungsmitglieder sind im Halbrund angeordnet. Das Präsidium geht Jahr für Jahr an ein anderes Mitglied. Das EDA beschreibt die Rolle mit der alten Formel primus inter pares: gleichgestellt mit den sechs anderen und ohne das Amt eines Staatsoberhaupts, denn diese Funktion übernimmt in der Schweiz der Gesamtbundesrat.
Eine Regierung, in der keiner über den anderen gestellt ist, tagt also in einem Saal im Stil jener Epoche, in der ein Arbeitszimmer einen italienischen Namen bekam. Dieser Umstand hilft mir, etwas auszusprechen, das ich seit Jahren in den Anfragen an unsere Websites lese: Ihre Büros beschafft sich die Welt in anderen Ländern; bei Italien fragt sie nach dem Zimmer, in dem entschieden wird, und nach dem Chefschreibtisch darin, der zeigen soll, wer daran sitzt. In der Schweiz verdient dieser Gedanke eine eigene Prüfung, denn hier kennt nicht einmal die Regierung einen Chef.
Deutschland liefert, Italien folgt mit Abstand
Die Handelsdaten zuerst. UN Comtrade verzeichnet für 2023 Schweizer Importe hölzerner Büromöbel über 94,8 Millionen Dollar. Mit 32,5 Millionen stammt der grösste Posten aus Deutschland, der zweite, 10,5 Millionen, aus Italien; Finnland, Polen und Österreich folgen. Beim Metall ist es ähnlich, nur deutlicher: Von 98,7 Millionen Dollar entfallen 54,8 Millionen auf Deutschland, 8,7 auf Italien und 8,1 auf China. Rechnet man nach, wie wir es getan haben, kommt Deutschland auf gut einen Drittel beim Holz und auf mehr als die Hälfte beim Metall, Italien auf rund elf beziehungsweise neun Prozent. Zweiter Lieferant also, in beiden Fällen, und doch weit hinter dem nördlichen Nachbarn.
Weltweit fällt das Bild für Italien noch bescheidener aus. Hölzerne Büromöbel exportieren China, Kanada, Polen und Vietnam in grösserem Umfang; Italien kommt 2023 mit 218 Millionen Dollar erst danach. Das Mailänder Institut CSIL beziffert den weltweiten Markt für Büromöbel auf ungefähr 50 Milliarden Dollar und nennt als wichtigste Exporteure Asien mit China und Vietnam, dann Kanada, Deutschland und Polen. Italiens Name fällt in dieser Reihe nicht.
Eine Grenze haben diese Zahlen. Die Zolltarife führen den Chefschreibtisch nicht als eigene Position, und eine verlässliche Erhebung darüber, in welchen Ländern Direktionsschreibtische entstehen, habe ich nirgends gefunden. Wo ich die Behauptung gelesen habe, stand sie auf Seiten von Händlern.
Was uns aus dem Ausland erreicht
Für die Schweiz allein haben wir keine Auswertung, und ich will keine erfinden. Was mir vorliegt, gilt für alle ausländischen Anfragen zusammen. Seit 2017 sind über die Formulare unserer Websites 8'912 Anfragen bei uns eingetroffen, 6'694 aus dem Ausland. Wo eine solche Anfrage ein genau bestimmtes Katalogprodukt nennt, und das trifft auf 3'028 zu, gilt sie in 42,6 Prozent der Fälle einem Chefschreibtisch und in 74,2 Prozent einem Schreibtisch irgendeiner Art. Der Chefschreibtisch ist damit die grösste einzelne Kategorie. Eine Produktseite hebt sich besonders ab: Über Jera von Las Mobili sind 789 Anfragen aus dem Ausland gekommen, 11,8 Prozent aller ausländischen Anfragen. Diese Zahl verrät die Seite, auf der das Formular ausgefüllt wurde, und nichts darüber, welche Wörter jemand zuvor in eine Suchmaschine getippt hat.
Die Menge fliesst also anderswohin. Wer bei uns anfragt, hat einen anderen Grund.
Ein Zimmer, das von Bildung sprechen sollte
Dieser Grund hat eine Geschichte, und sie beginnt im Quattrocento. Damals richtete man in zahlreichen Häusern und Palästen einen eigenen Raum für Lektüre und Nachdenken ein, und die Sprache, die ihm den Namen gab, war das Italienische: studiolo. Ein Aufsatz in den Lernmaterialien zur italienischen Renaissance, erarbeitet mit der Washingtoner National Gallery of Art, fasst zusammen, was ein solches Zimmer bedeutete: Wer es besass, erhob Anspruch auf die Bildung und Kultiviertheit, die jene Epoche auszeichneten.
Eines liess Federico da Montefeltro zwischen etwa 1478 und 1482 im Palast von Gubbio einrichten; die Pläne zeichnete Francesco di Giorgio Martini, die Ausführung übernahm die Werkstatt Giuliano da Maianos, verarbeitet wurden Nussbaum, Eiche, Buche, Palisander und Obstbaumholz. Seit 1939 gehört es dem Metropolitan Museum of Art. Ein anderes steht im Herzogspalast von Urbino. Zur Wiedereröffnung am 30. Mai 2025 nannte es die Zeitschrift Artribune den intimsten Raum im Appartement Federicos und gleichzeitig jenen, der seine öffentliche Gestalt am deutlichsten darstellte. Achtundzwanzig Bildnisse berühmter Persönlichkeiten aus der griechisch-römischen Welt und dem Mittelalter gehörten zu seiner Ausstattung.
Urbino liegt in den Marken, der Region, von der aus wir arbeiten. Mehr als diese Nähe zählt aber, dass Italien das Zimmer des Herrn als Abbild seines Geistes verstand und weniger als Ort, an dem befohlen wird. Nach dieser Überlieferung fragt, wer uns aus dem Ausland wegen eines Chefschreibtisches schreibt, ob er sie kennt oder nicht. Mit Urbino hat der Saal des Bundesrates nichts zu tun; auch eine Regierung ohne Oberhaupt tagt in einem Raum mit Haltung.
Wo Mitarbeitende gefragt werden wollen
Naheliegend wäre eine andere Erklärung: Wer den Chefschreibtisch in Italien sucht, suche dort einen besonderen Sinn für Rangordnung. Das Modell von Hofstede misst, wie weit eine Gesellschaft ungleich verteilte Macht akzeptiert, und widerspricht. Die Schweiz erreicht darin 34 Punkte, Deutschland 35, die Vereinigten Staaten 40, Italien 50, Frankreich 68. Zur Schweiz steht dort, man schätze Unabhängigkeit und gleiche Rechte und halte sich an Hierarchie nur, wo sie zweckmässig sei; die Macht sei dezentral, Vorgesetzte verliessen sich auf die Erfahrung ihrer Teams, und die Angestellten erwarteten, konsultiert zu werden.
Für ein Chefbüro hat das eine praktische Folge. Wo die Leute erwarten, gefragt zu werden, betritt man das Zimmer der Vorgesetzten, um einen Standpunkt einzubringen, und verlässt es mit einem Entscheid. Der Schreibtisch darin trägt deshalb zwei Arten von Arbeit: jene, die man allein erledigt, und das Gespräch am selben Platz.
Der Raum stellt Sie vor, bevor Sie sprechen
Dafür gibt es einen Befund aus der Psychologie. Samuel Gosling und drei Mitautoren liessen 2002 für eine Studie, die sie A Room with a Cue nannten, Büros und Schlafzimmer von Personen begutachten, denen die Beobachter nie begegnet waren; allein aus dem Raum sollten sie die Persönlichkeit der Bewohner beschreiben. Unabhängige Beobachter kamen zu ähnlichen Eindrücken, lagen damit bis zu einem gewissen Grad richtig und stützten sich auf Hinweise im Raum, die tatsächlich etwas über die Bewohner verrieten.
Für den, der darin arbeitet, ist der Nutzen greifbar. Ihr Büro gibt jedem Gast dieselbe Auskunft über Sie, auch an einem Tag, an dem Sie auswärts einen Termin haben. Die Studie erfasst, wie eine Persönlichkeit wahrgenommen wird; Autorität liegt ausserhalb ihres Feldes. Wer Ihr Zimmer betritt, erkennt mit einer gewissen Treffsicherheit, was für ein Mensch Sie sind, und ein zweiter Gast kommt zu einem ähnlichen Eindruck. Dann soll es auch stimmen.
Das Studiolo hatte beides vereint, die Stunden allein über den Büchern und den Empfang. Ein Chefschreibtisch von heute steht vor derselben doppelten Aufgabe. Um sieben Uhr abends liegt darauf ein Vertrag, den Sie ungestört durchgehen wollen; am folgenden Morgen breitet eine Kollegin auf derselben Platte ihren Vorschlag aus.
Die Befunde auf einen Blick
Büromöbel aus Holz, Schweizer Einfuhr 2023
94,8 Millionen Dollar; aus Deutschland 32,5 Millionen, aus Italien 10,5 Millionen (UN Comtrade).
Büromöbel aus Metall, Schweizer Einfuhr 2023
98,7 Millionen Dollar; aus Deutschland 54,8 Millionen, aus Italien 8,7 Millionen (UN Comtrade).
Wichtigste Exportländer für hölzerne Büromöbel weltweit, 2023
China, Kanada, Polen und Vietnam; Italien danach mit 218 Millionen Dollar (UN Comtrade).
Ausländische Anfragen an La Mercanti zu einem bestimmten Produkt, seit 2017
3'028; 42,6 Prozent betreffen einen Chefschreibtisch, 74,2 Prozent einen Schreibtisch.
Wer diese vier Zeilen zusammen liest, sieht zwei Bewegungen. Die Schweizer Büros bestückt zum grössten Anteil der nördliche Nachbar, Italien liefert als Zweiter deutlich weniger. Und was aus dem Ausland zu uns kommt, gilt vor allem einem Möbel, dem Schreibtisch, und darunter am häufigsten jenem des Chefs. Die Quadratmeter kauft man beim Nachbarn; den Raum dessen, der entscheidet, sucht, wer uns aus dem Ausland schreibt, in Italien.
Eine Frage, bevor Sie die Platte ausmessen
Wir stellen keine Schreibtische her. Wir wählen unter Herstellern, deren Arbeit wir kennen, und begleiten unsere Tische bis in das Büro, in dem sie stehen werden, ob in Zürich oder in Lugano. Aus dieser Stellung schlage ich allen, die unsere Chefschreibtische durchsehen, eine Frage vor, die vor der Plattenlänge kommt: Was liest der nächste Besucher über Sie, bevor Sie ein Wort gesagt haben? Ein mit Sorgfalt ausgesuchtes Holz und ein Mass, das zum Raum passt, sind schon Sätze dieser Antwort, und Sie selbst lesen sie jeden Morgen mit.
Im Chalet fédéral übernimmt jedes Jahr ein anderes Mitglied den Vorsitz, und der Saal bleibt derselbe. Ein Chefbüro, das man heute einrichtet, verdient dieselbe Voraussicht: Es soll auch für den sprechen, der eines Tages an diesem Tisch Ihren Platz einnimmt.
Antworten in Kürze
Aus welchen Ländern stammen die Büromöbel, welche die Schweiz einführt?
Nach UN Comtrade war Deutschland 2023 der grösste Lieferant: 32,5 von 94,8 Millionen Dollar bei Büromöbeln aus Holz und 54,8 von 98,7 Millionen bei jenen aus Metall. Italien folgte jeweils auf dem zweiten Platz, mit 10,5 und 8,7 Millionen.
Welche Produkte fragen ausländische Kunden bei La Mercanti an?
Von 3'028 Formularanfragen aus dem Ausland, die seit 2017 ein bestimmtes Katalogprodukt nennen, betreffen 42,6 Prozent einen Chefschreibtisch und 74,2 Prozent einen Schreibtisch. Eine eigene Auswertung nur für die Schweiz liegt nicht vor.
Stammen die meisten Chefschreibtische der Welt aus Italien?
Das lässt sich nicht belegen. Die Zolltarife führen den Chefschreibtisch nicht getrennt, und eine verlässliche Statistik zur weltweiten Herstellung ist uns nicht bekannt.
Was bedeutet das Wort Studiolo?
So hiess im 15. Jahrhundert der Raum, den man in Häusern und Palästen für Lektüre und Nachdenken einrichtete; wer ihn besass, erhob Anspruch auf Bildung. Das Studiolo Federico da Montefeltros aus Gubbio gehört seit 1939 dem Metropolitan Museum of Art.
Kann man an einem Büro ablesen, wer darin arbeitet?
Bis zu einem gewissen Grad ja. Nach der Studie von Gosling und Mitautoren aus dem Jahr 2002 gewinnen unabhängige Beobachter, die der Person nie begegnet sind, allein aus ihrem Büro ähnliche Eindrücke von ihrer Persönlichkeit, und diese Eindrücke treffen teilweise zu.