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Warum Frauen im Büro frieren und wo im Raum die Kälte sitzt

Warum Frauen im Büro frieren und wo im Raum die Kälte sitzt

In der Wegleitung des SECO zur Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz steht beim Artikel über das Raumklima ein Foto, das man leicht überblättert. Es zeigt die Messeinheit für das Raumklima, vier Fühler nebeneinander, und ganz links eine schwarze Kugel: ein Globe-Thermometer. Die Kugel erfasst, was ein gewöhnliches Thermometer nicht sieht, nämlich die Wärme, die von Boden, Wänden, Decke und Fenstern ausgeht. Die Wegleitung gibt dazu eine einfache Beziehung an. Bei geringer Luftbewegung ist die Raumtemperatur, also die Temperatur, die ein Mensch an seinem Platz empfindet, zur Hälfte die Temperatur der Luft und zur Hälfte die mittlere Strahlungstemperatur der Flächen, die ihn umgeben.

Diese Kugel gehört zur alten Frage, warum Frauen im Büro frieren. Meine Lesart, gestützt auf die Studien weiter unten, lautet so: Bei der gewünschten Temperatur liegen Männer und Frauen in den Versuchen, auf denen die Normen beruhen, fast gleichauf; verschieden ist, wie stark eine Abweichung davon ins Gewicht fällt. Und ein Teil dieser Abweichung hängt am Stellplan: an der Nähe eines Arbeitsplatzes zum Glas, an einem Luftauslass darüber, an einem kalten Boden darunter und an der Frage, ob die Person, die dort sitzt, ihr Klima selbst nachstellen kann.

Olesens Tabelle: 25,4 °C für die Männer, 25,8 °C für die Frauen

Die Zahlen, die dafür sprechen, hat Bjarne Olesen von der Technical University of Denmark 2015 im REHVA Journal zusammengetragen. Er geht auf jene Versuche zurück, auf denen internationale Komfortnormen wie die ISO 7730 aufbauen, und in denen Männer und Frauen in gleicher Zahl sassen, mit derselben leichten Kleidung und derselben sitzenden Tätigkeit. In den Studien von Nevins (1966) und Fanger, zusammengenommen, bevorzugten 488 Männer im Mittel 25,4 °C und 488 Frauen 25,8 °C. Bei Fanger und Langkilde (1975) waren es 25,0 und 25,1 °C.

Olesen antwortete damit auf einen Beitrag aus demselben Jahr. Boris Kingma und Wouter van Marken Lichtenbelt aus Maastricht hatten in Nature Climate Change festgehalten, dass die Regeln für das Innenraumklima auf einem Komfortmodell aus den 1960er-Jahren beruhen und dass die Standardwerte für eine seiner Hauptgrössen, den Stoffwechsel, von einem durchschnittlichen Mann ausgehen und den Stoffwechsel von Frauen um bis zu 35 Prozent überschätzen können. Olesen hielt dagegen, dass die Forscher nur 16 Frauen bei sitzender Arbeit untersucht hatten und keine Männer zum Vergleich. Die Unterschiede, die man in klimatisierten Büros während des Sommers beobachtet, erklärt er in den meisten Fällen mit der Kleidung: Frauen passen sie dem Sommer besser an, Männer bleiben bei Anzug und Krawatte.

Eine Übersicht über die Literatur hat Sami Karjalainen vom finnischen Forschungszentrum VTT 2012 in der Zeitschrift Indoor Air veröffentlicht. Die meisten Studien, die er auswertet, finden bei der Neutraltemperatur, bei der man weder warm noch kalt empfindet, keinen signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern. Klar mehr als die Hälfte der Labor- und Feldstudien zeigt aber, dass Frauen in derselben Umgebung mehr Unzufriedenheit äussern als Männer; seine Metaanalyse beziffert das Verhältnis mit 1,74. Frauen reagieren nach Karjalainen empfindlicher als Männer auf eine Abweichung von der optimalen Temperatur, besonders wenn es kühler wird, und haben im Mittel einen grösseren Bedarf, die Temperatur selbst zu regeln und sich anzupassen.

Eine Spur davon steht auch in der Wegleitung des SECO, in einer Klammer im Abschnitt über Zugluft: «Die Sensibilität des Menschen ist unterschiedlich (Geschlecht, Alter, Gesundheitszustand etc.).»

Artikel 16 verlangt ein angemessenes Klima, die Wegleitung zeigt, wo es kippt

Der Artikel 16 der ArGV 3 ist kurz. Raumtemperatur, Luftgeschwindigkeit und relative Luftfeuchtigkeit sind «so zu bemessen und aufeinander abzustimmen, dass ein der Gesundheit nicht abträgliches und der Art der Arbeit angemessenes Raumklima gewährleistet ist». Eine Gradzahl nennt der Artikel selbst nicht. Der folgende Artikel 17 ergänzt für die künstliche Lüftung: «Belästigende Zugerscheinungen sind zu vermeiden.»

Die Zahlen stehen in der Wegleitung, der Fassung vom August 2020. Für sitzende Büroarbeit nennt sie als arbeitsphysiologisch gute Bereiche der Lufttemperatur 21 bis 23 °C in der kalten und 23 bis 26 °C in der warmen Jahreszeit. Für Büros soll mindestens die Kategorie B erreicht werden, das heisst höchstens 10 Prozent Unzufriedene, und die Wegleitung erinnert daran, dass es statistisch selbst bei optimalen Bedingungen stets 5 Prozent Unzufriedene gibt. Die Raumlufttemperatur definiert sie als Temperatur der Luft in der Raummitte, einen Meter über dem Boden; gefroren wird aber an einem bestimmten Platz.

Für diesen Platz führt die Wegleitung die «lokale Behaglichkeit» ein. Die Luft über dem Fussboden sollte nicht mehr als 3 °C kühler sein als auf Kopfhöhe, die Oberfläche des Bodens soll zwischen 19 und 28 °C liegen, und bei Kaltböden aus Beton oder Metall sind isolierende Beläge und wärmeisolierendes Schuhwerk erforderlich, die der Arbeitgeber zur Verfügung zu stellen hat. Zugluft, heisst es weiter, spürt man nicht als Luftbewegung, sondern als kleine Temperaturunterschiede auf der Haut, und sie kann das Wohlbefinden gerade bei sitzender Tätigkeit schon bei eher kleinen Geschwindigkeiten beeinträchtigen. Unter den Ursachen stehen grosse Fensterflächen mit ihren Fallwinden, Umluft-Kühlgeräte und Quellauslässe im Nahbereich des Arbeitsplatzes. Klagen über Zugluft sollten ernst genommen und abgeklärt werden.

Im technischen Anhang steht ein Satz, der den Stellplan unmittelbar betrifft. Die Vorgaben zur thermischen Behaglichkeit gelten für einen Aufenthaltsbereich im Raum, mit Mindestabständen zu den Umgebungsflächen; als Beispiele nennt die Wegleitung einen Meter zu Aussenfenstern und Aussentüren und einen halben Meter zu Innen- und Aussenwänden. Ein Pult, das direkt an der Glasfassade steht, liegt demnach ausserhalb des Bereichs, für den diese Vorgaben gelten.

Vier Masse aus der Wegleitung, an denen sich ein Stellplan messen lässt

Aussenfenster und Aussentüren. Als Beispiel für den Aufenthaltsbereich nennt die Wegleitung einen Meter Abstand.
Innen- und Aussenwände. Hier lautet das Beispiel einen halben Meter.
Fussboden. Seine Oberfläche soll zwischen 19 und 28 °C liegen, und die Luft knapp darüber sollte nicht mehr als 3 °C kühler sein als auf Kopfhöhe.
Luftauslass in der Nähe. Für empfindliche Personen nennt die Wegleitung bei mechanischer Lüftung und 20 °C lokaler Lufttemperatur eine Luftgeschwindigkeit von höchstens 0,10 m/s.

Ein Meter Abstand zum Glas ist eine Frage der Möblierung

Bei der Auswahl der Pulte für eine Abteilung würde ich den Stellplan neben das Muster legen und für jeden Büroschreibtisch nachmessen: den Abstand zum Glas, den Abstand zur Wand, den Auslass darüber. Auf Flächen, wie wir sie unter Grossraumbüro & Open Space zeigen, lassen sich zudem Zonen mit unterschiedlichem Klima vorsehen, eine ruhigere Ecke fern von Glas und Luftstrom und eine luftigere, und die Mitarbeitenden wählen, wo sie arbeiten, statt sich auf einen einzigen Sollwert einigen zu müssen. Wer nach Karjalainen mehr Bedarf hat, das eigene Klima zu regeln, bekommt damit wenigstens die Wahl des Ortes. Wo der Boden kalt bleibt, gehört der Belag ins Pflichtenheft.

Dass die Temperatur mehr berührt als das Wohlbefinden, legt ein Versuch nahe, den Tom Chang und Agne Kajackaite 2019 veröffentlicht haben. 543 Studierende arbeiteten in Berlin in einem Labor, dessen Temperatur je nach Sitzung zwischen rund 16 und 33 °C lag. Bei Wärme lösten Frauen mehr Mathematik- und Sprachaufgaben richtig; pro Grad stieg die Zahl ihrer richtigen Mathematikantworten um 1,76 Prozent. Bei Männern zeigte sich die umgekehrte Richtung, der Rückgang war jedoch klein und statistisch nicht gesichert. Die Frauen gaben mehr Antworten ab, ohne dass ihre Fehlerquote stieg, was die Autoren zum Teil als grössere Anstrengung deuten. Auf den Test zum kognitiven Reflektieren hatte die Temperatur keine Wirkung. Eine Sitzung dauerte im Durchschnitt eine Stunde, und gemessen wurde die Temperatur des Raumes, nicht die Lage eines Pultes: Das ist weit von einem Arbeitstag entfernt, und über ein bestimmtes Büro sagt es nichts Sicheres. Einen Nutzen misst keine dieser Studien: dass um den Regler nicht mehr verhandelt werden muss.

Die schwarze Kugel aus der Wegleitung gehört deshalb an die Plätze, an denen später jemand arbeiten wird, und am besten an einem Januarmorgen. Dort entscheidet sich, ob die Wolljacke am Haken bleiben darf.

Kurze Antworten

Warum frieren Frauen im Büro eher als Männer?
Die meisten Studien finden bei der Neutraltemperatur keinen signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern. Eine Abweichung davon spüren Frauen jedoch stärker, vor allem wenn es kühler wird, und sie äussern in derselben Umgebung mehr Unzufriedenheit mit dem Raumklima als Männer; die Metaanalyse von Karjalainen kommt auf ein Verhältnis von 1,74 (Indoor Air, 2012). Kingma und van Marken Lichtenbelt (Nature Climate Change, 2015) weisen zudem darauf hin, dass die Standardwerte für den Stoffwechsel von einem durchschnittlichen Mann ausgehen und den weiblichen um bis zu 35 Prozent überschätzen können.

Welche Temperatur gilt in Schweizer Büros?
Artikel 16 ArGV 3 verlangt ein der Gesundheit nicht abträgliches und der Art der Arbeit angemessenes Raumklima, ohne selbst eine Gradzahl zu nennen. Die Wegleitung des SECO (August 2020) nennt für sitzende Büroarbeit als arbeitsphysiologisch gute Bereiche der Lufttemperatur 21 bis 23 °C in der kalten und 23 bis 26 °C in der warmen Jahreszeit.

Sind die Komfortnormen auf Männer zugeschnitten?
Die Versuche, auf denen Normen wie die ISO 7730 beruhen, hatten Männer und Frauen in gleicher Zahl; in derselben Kleidung und bei derselben Tätigkeit bevorzugten 488 Männer 25,4 °C und 488 Frauen 25,8 °C (nach Bjarne Olesen, 2015). Die Standardwerte für den Stoffwechsel im Modell gehen nach Kingma und van Marken Lichtenbelt jedoch von einem durchschnittlichen Mann aus.

Wie stellt man Arbeitsplätze gegen Kälte und Zugluft?
Die Wegleitung zu Artikel 16 ArGV 3 nennt einen Aufenthaltsbereich mit beispielsweise einem Meter Abstand zu Aussenfenstern und einem halben Meter zu Wänden, eine Bodenoberfläche von 19 bis 28 °C und höchstens 3 °C Unterschied zwischen Boden- und Kopfhöhe. Umluft-Kühlgeräte und Quellauslässe im Nahbereich zählen zu den Ursachen von Zugluft; Zonen mit unterschiedlichem Klima geben die Möglichkeit, den eigenen Platz zu wählen.

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