Ein Hocker, heisst es beim SECO, könne bei kurzen Besprechungen helfen, damit ein Gespräch am Arbeitsplatz auf Augenhöhe geführt werden kann. Der Satz steht in der Wegleitung zur Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz, dort, wo es um Lärm und Vibrationen geht. Ein paar Zeilen davor empfiehlt dieselbe Wegleitung, die Arbeitsplätze im Grossraumbüro so anzuordnen, dass Personen, die viel miteinander kommunizieren müssen, nahe beisammen sind.
Die ORGATEC beginnt in Köln am 27. Oktober und dauert bis zum 30.; ihr Motto heisst «From rooms to relationships: designing spaces in an ever-changing world». Das Leitthema, schreibt der Veranstalter, stelle die menschliche Dimension ins Zentrum und frage, wie Menschen in Arbeits- und Contract-Umgebungen zueinander in Beziehung treten. Nach Köln nehme ich diesen Hocker im Kopf mit. Denn wer die Wegleitung liest, findet eine Behörde, die über Schall schreibt und dabei erstaunlich genau festhält, wie Menschen miteinander reden. Die Beziehung ist in den Massen eines Büros bereits angelegt, lange bevor jemand zu sprechen beginnt. Sie steckt im Abstand vor dem Schreibtisch und in den Metern, die zwei Arbeitsplätze trennen. Das Motto beschreibt einen Weg von den Räumen zu den Beziehungen. Mir scheint, er beginnt schon auf dem Plan, beim ersten Strich.
Augenhöhe ist auch eine Frage des Möbels
Die Begründung des SECO ist nüchtern und ganz akustisch. Um den Sprachschall zu verringern, soll die Schallquelle, der Mund, möglichst nahe beim Empfänger sein, beim Ohr oder beim Mikrofon. Daher der Hocker, daher auch der Rat zum Headset. An anderer Stelle hält die Wegleitung fest, dass nur hohe Schallschirme zwischen den Arbeitsplätzen gegen das Mithören Abhilfe schaffen könnten, was aber der Kommunikation nicht dienlich sei. Und unter den Verhaltensregeln, die sich in Grossraumbüros laut der Wegleitung bewährt haben, steht diese: längere Gespräche nur im Sitzungszimmer oder im Aufenthaltsraum führen.
Die Wegleitung wägt also ab zwischen dem Schutz vor dem Mithören und dem Gespräch.
Wie man sich an einen Tisch setzt, hat Robert Sommer schon 1965 untersucht. Die Arbeit erschien in der Zeitschrift Sociometry, als Fortsetzung seiner Studien zur Ökologie kleiner Gruppen. Beobachtet hatte er Studentenpaare an zwei Orten: in einer Cafeteria, wo man zum Reden ermuntert wurde, sowie in einer Bibliothek, in der Reden unerwünscht war. Wo geredet werden durfte, setzten sich die Paare einander gegenüber; zwischen den Büchern hielten sie Abstand. Danach liess Sommer Fragebögen ausfüllen, um zu erfahren, welche Sitzordnung sich Gruppen mit unterschiedlichen Aufgaben wünschen. Im Allgemeinen möchten Gruppen im lockeren Austausch übers Eck sitzen, kooperierende Gruppen Seite an Seite, Gruppen, deren Mitglieder je an einer eigenen Aufgabe sitzen, weit auseinander, und Gruppen im Wettbewerb einander gegenüber. Sommer diskutiert dabei auch die Rolle, die der Blickkontakt für solche Anordnungen spielt.
Ich lese die beiden Texte nebeneinander, den Aufsatz von 1965 und die Wegleitung des SECO, und meine Lesart ist diese: Wo zwei Menschen sich in die Augen sehen können, und auf welcher Höhe, gehört zu den Dingen, die ein Möbel mitentscheidet. Befragt wurden Studenten, 1965. Wer Konferenztische auswählt, kann aus ihren Antworten trotzdem eine Frage mitnehmen: Bietet der Tisch Plätze übers Eck, an denen zwei Menschen miteinander sprechen können, ohne sich frontal gegenüberzusitzen?
Vor dem Schreibtisch gilt ein anderes Mass
Die Wegleitung des SECO kennt für Grossraumbüros einen Bewegungsabstand von 100 Zentimetern ab Tischkante pro Arbeitsplatz. Es ist ein Minimalabstand, und die Abbildungen dazu sind ausdrücklich keine Planungsvorlage: Es geht um genügend freien Raum, damit man sich bei der Arbeit unbehindert bewegen kann. Über den Stuhl des Gastes sagt diese Zahl nichts. Dafür muss man zu einem Buch aus dem Jahr 1966 greifen, The Hidden Dimension von Edward T. Hall, das den Abständen gewidmet ist, die Menschen zueinander halten.
Hall beschreibt eine soziale Distanz, deren weite Phase von sieben bis zwölf Fuss reicht, also von 2,1 m bis 3,7 m. Was dort über Geschäftliches oder Gesellschaftliches gesprochen wird, ist laut Hall von förmlicherer Art als in der nahen Phase. Bedeutende Leute haben, so Hall, Schreibtische, die gross genug sind, um Gäste in diesem Abstandsbereich zu halten. Aber auch bei Schreibtischen gewöhnlicher Masse steht der gegenüberliegende Stuhl, schreibt er, acht oder neun Fuss von demjenigen weg, der am Schreibtisch sitzt: 2,4 m bis 2,7 m.
Wer ein Chefbüro plant, entscheidet mit dem Schreibtisch also auch über die Tonlage der Besuche. Ein Jahresgespräch, eine Verhandlung dürfen förmlich sein. Wo Vertrauen entstehen soll, hilft ein zweiter Sitzplatz, näher und auf gleicher Höhe: der Hocker aus der Wegleitung, in einer anderen Rolle. Vor zwei Wochen habe ich über Chefbüro und Studiolo geschrieben; hier geht es um den Stuhl gegenüber.
Nähe steht in der Wegleitung als Massnahme gegen Lärm
Die dritte Quelle blickt auf den ganzen Grundriss. Thomas J. Allen untersuchte, wie technisches Wissen in Forschungs- und Entwicklungsorganisationen weitergegeben wird, und fasste die Arbeit 1977 in Managing the Flow of Technology zusammen, erschienen bei MIT Press. Er setzte die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei Kollegen innerhalb einer Woche austauschen, ins Verhältnis zur Entfernung zwischen ihren Plätzen. Dass diese Wahrscheinlichkeit mit wachsender Distanz kleiner wird, dürfte laut Allen kaum jemanden verwundern; wie schnell sie kleiner wird, bezeichnet er selbst als überraschend. Im Buch, das er 2007 mit Günter Henn veröffentlichte, zeigt eine Grafik erneut, wie diese Wahrscheinlichkeit mit der Distanz zurückgeht.
Allens Zahlen stammen aus Labors und Entwicklungsabteilungen, nicht aus jedem Büro. Die Wegleitung kommt aus einem ganz anderen Grund bei derselben Anordnung an: Wer viel miteinander spricht, soll nahe beisammen sein, damit laute Kommunikation über grosse Strecken vermieden wird. Ich sehe hier die Akustik und die Innovationsforschung auf dasselbe hinauslaufen. Für die Planung heisst das, zuerst aufzuschreiben, wer jede Woche mit wem sprechen muss, und erst dann die Pulte zu setzen. Eine flexible und kollaborative Büroeinrichtung gehört an die Stellen, an denen sich diese Wege kreuzen, statt in die Ecke, die zufällig frei geblieben ist.
Zwei Massbänder für dasselbe Büro
Das Massband des SECO. Mindestens 6 Quadratmeter für einen minimal ausgestatteten Bildschirmarbeitsplatz; im Grossraumbüro, Besprechungsräume und Erholungszonen anteilmässig eingerechnet, durchschnittlich 10 bis 25 Quadratmeter je Büroarbeitsplatz (Wegleitung zu Art. 24 ArGV 3, Dezember 2022).
Minimalabstände im Grossraum. 100 Zentimeter Bewegungsabstand ab Tischkante, rund 60 Zentimeter Funktionsabstand, Verkehrswege ab 80 Zentimetern, Hauptverkehrs- und Fluchtwege ab 120 Zentimetern; die Abbildungen sind keine Planungsvorlage (ebenda).
Das Massband der Forschung. Weite Phase der sozialen Distanz: 2,1 m bis 3,7 m, Gespräche förmlicher; Gästestuhl vor einem Schreibtisch gewöhnlicher Masse: 2,4 m bis 2,7 m, gemessen von dem, der dort sitzt (Hall, 1966).
Am Tisch. Übers Eck beim lockeren Austausch, Seite an Seite bei der Zusammenarbeit, weit auseinander bei getrennten Aufgaben, einander gegenüber im Wettbewerb: so die in Fragebögen erhobenen Wünsche (Sommer, 1965).
Zwischen den Arbeitsplätzen. Ob zwei Kollegen sich in einer Woche austauschen, wird mit wachsender Distanz unwahrscheinlicher, und das Tempo dieses Rückgangs bezeichnet Allen selbst als überraschend (Allen, 1977, Forschung und Entwicklung).
Das erste Massband gibt den Platz vor, um sich im Büro frei zu bewegen und es im Notfall zu verlassen. Das zweite gibt einen Hinweis darauf, in welchem Ton man darin miteinander sprechen wird.
Was ich in Köln suchen werde
An der ORGATEC werde ich auf zwei Dinge achten: auf Sitzgelegenheiten, die ein kurzes Gespräch am Arbeitsplatz auf gleicher Höhe erlauben, und auf Tische, an denen man übers Eck sitzen kann. Das sind kleine Fragen, und sie stellen sich in jedem Büro, in Zürich wie in Lugano, nicht nur an einem Messestand. Wer in einem Büro arbeitet, merkt den Unterschied jeden Tag. Steht ein Hocker neben dem Pult, kann sich die Kollegin mit einer kurzen Frage setzen, statt sich von oben über den Bildschirm zu beugen; und zwei, die gemeinsam eine Lösung suchen, können nebeneinander auf dasselbe Blatt schauen.
Jeder Stuhl ist eine Einladung, und sein Abstand sagt, zu welchem Gespräch.
Die ORGATEC stellt die Beziehungen in diesem Jahr ins Zentrum. In der Schweiz steht ein Teil der Antwort, etwas unerwartet, bereits in einer Wegleitung über den Lärm.
Kurze Antworten
Wann ist die ORGATEC 2026, und wie lautet ihr Motto? Die Messe läuft in Köln vom 27. Oktober bis zum 30. Oktober 2026. Das Motto des Veranstalters: «From rooms to relationships».
Was sagt das SECO zu Gesprächen im Grossraumbüro? Die Wegleitung zu Art. 22 der Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz (SECO, November 2021) rät, Arbeitsplätze so anzuordnen, dass Personen, die viel miteinander kommunizieren müssen, nahe beisammen sind und laute Kommunikation über grosse Strecken vermieden wird. Für kurze Besprechungen könne ein Hocker helfen, damit das Gespräch am Arbeitsplatz auf Augenhöhe geführt wird.
In welchem Abstand sitzt der Gast vor einem Schreibtisch? Edward T. Hall schreibt 1966 in seinem Buch über menschliche Abstände, dass der gegenüberliegende Stuhl auch bei Schreibtischen gewöhnlicher Masse acht oder neun Fuss, also 2,4 m bis 2,7 m, von dem entfernt steht, der am Schreibtisch sitzt. Das ist nach Hall die weite Phase der sozialen Distanz, in der man förmlicher spricht.
Wie möchten Gruppen an einem Tisch sitzen? In den Fragebögen, deren Auswertung Robert Sommer 1965 in Sociometry veröffentlichte, wünschten sich kooperierende Gruppen Seite an Seite zu sitzen, Gruppen im lockeren Austausch übers Eck, Gruppen im Wettbewerb einander gegenüber und Gruppen mit getrennten Aufgaben weit auseinander.